Ras al Khaimah, Vereinigte Arabische Emirate

Weltwoche: Herr Melnitschenko, Sie sind einer der reichsten Russen, haben weltweit führende Industriekonzerne aufgebaut im Bereich Dünger, Kohle und Röhrenbau.Sie leben in der Schweiz und stehen seit Beginn des Kriegs auf der Sanktionsliste der EU, die der Bundesrat einszueins übernommen hat. Bevor wir über all dies sprechen, erzählen Sie uns: Wer sind Sie?

Andrei Melnitschenko: Nun, ich wurde 1972 in Gomel geboren, das ist die zweitgrösste Stadt in Belarus. Meine Mutter ist Ukrainerin, mein Vater Belarusse. Beide Eltern waren in Lehrberufen tätig. Mein Vater lehrte Physik an der örtlichen Universität. Meine Mutter hatte russische Literatur studiert und arbeitete an einer Musikhochschule. Wissenschaft faszinierte mich, insbesondere Physik und Mathematik. Ich nahm an zahlreichen Wissenschaftswettbewerben teil.

Weltwoche: Als Siebzehnjähriger haben Sie die russische «Physik-Olympiade» gewonnen.

Melnitschenko: Es gab viele solcher Wettkämpfe, und ich erzielte recht gute Ergebnisse. Das Wunderbare am sowjetischen Schulsystem war die Talente-Auswahl mithilfe solcher Wettbewerbe. Die Teilnehmer mit den besten Ergebnissen hatten die besten Ausbildungschancen. Die hellsten Köpfe gingen in das vom grossen Mathematiker Andrei Kolmogorow aufgebaute wissenschaftliche Zentrum. In den 1980er Jahren gab es über fünfzig Millionen sowjetische Schüler, und jedes Jahr erhielten nur ungefähr hundert von ihnen einen Studienplatz im Zentrum. Es war eine der Staatlichen Universität Moskau angeschlossene Internatsschule, und ich bin froh, dass ich dort zugelassen wurde. Nach absolvierter Schulzeit nahm ich ein Studium an der Fakultät für Physik der Staatlichen Universität Moskau auf und spezialisierte mich etwas später auf Quantenstatistik und Feldtheorie. Es war das Jahr 1989, ich freute mich auf die Zukunft, aber dann änderte sich alles.

Weltwoche: Die Sowjetunion brach zusammen, der Staat, der den Zweiten Weltkrieg gewonnen hatte, zerfiel.

Melnitschenko: Ich war siebzehn Jahre alt. Auf dem Campus der Staatlichen Universität Moskau, wo ich zu der Zeit lebte, gab es Studierende aus der ganzen Welt, überaus kluge junge Leute aus vielen Ländern.

Weltwoche: Spielte es damals eine Rolle, ob einer Russe, Ukrainer, Belarusse ist?

Melnitschenko: Überhaupt nicht. Wir waren etwa zehn Studenten in unserem Schlafsaal. Die kamen aus allen Regionen der Sowjetunion. Als gebürtiger Belarusse wurde ich nicht anders behandelt. Wachten wir eines Tages auf und dachten: Ich bin Russe? Der ist Ukrainer? Und der andere kommt aus Sibirien? Nein. Als Kind und Teenager in Belarus bin ich ausser meiner Lehrerin, die belarussische Sprache und Literatur unterrichtete, niemandem begegnet, der Belarussisch sprach, und auch die Lehrerin tat das nur im Unterricht. Sicher gab es Leute, die Belarussisch sprachen, meistens die aus den kleinen Städten oder Dörfern oder auch die Intelligenzija in Minsk, aber das war nicht von Belang. Die Hälfte meiner Familie stammt aus der Ukraine, wir fuhren oft zu Besuch in die Ukraine, und unter all den Hunderten von Leuten, die ich dort traf, kann ich mich kaum an ein, zwei Leute erinnern, die im Alltag Ukrainisch sprachen.

Weltwoche: Wie würden Sie heute Ihre Nationalität bezeichnen?

Melnitschenko: Ich habe einen russischen Pass. Aber bin ich Russe? Man könnte mich auch als Belarussen oder Ukrainer bezeichnen – oder als Schweizer, weil ich seit fast fünfzehn Jahren hauptsächlich in der Schweiz lebe. Oder als Emirati, weil ich die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Arabischen Emirate besitze. Meine Frau ist Europäerin, sie stammt aus Kroatien. Meine Kinder kamen in Frankreich zur Welt. Sie alle sind europäische Staatsangehörige.

Weltwoche: Wie haben Sie den Kollaps der Sowjetunion erlebt?

Melnitschenko: Ich war fasziniert. Und glücklich. Vorher wusste man genau, was einem in den nächsten zehn, zwanzig, dreissig, vierzig Jahren bevorstand. Wenn man ein interessantes Leben wollte, dann ging man in die Wissenschaft, den Sport, die Musik oder zum KGB. Jedem wurde ein zwar sicherer, aber nicht besonders spannender Platz in der Gesellschaft zugewiesen. Plötzlich öffneten sich unzählige neue Wege. Als Siebzehnjähriger war ich für alles offen, ich befand mich mittendrin in diesem Vulkan voller Möglichkeiten. Ich konnte Risiken eingehen, weil ich nichts zu verlieren hatte.

Weltwoche: Bereits mit 18 stiegen Sie an der Uni in den Devisenhandel ein.

Melnitschenko: Die Leute mussten überleben, das sowjetische System brach zusammen, eine Marktwirtschaft gab es offiziell noch nicht. Keiner hielt sich mehr an die sowjetischen Regeln, es herrschte eine unglaubliche Freiheit. Statt zu studieren, nahmen viele Kollegen die ersten Export-Import-Tätigkeiten auf und halfen den alten Giganten der sowjetischen Wirtschaft, in einem sich schnell verändernden Umfeld zu überleben. Was alle brauchten, war Geld, vorzugsweise harte Währung, Bargeld. Die Nachfrage nach Devisengeschäften war hoch, und die Gewinne waren es auch. Ich eröffnete eine Wechselstube auf dem Campus der Moskauer Universität. Innerhalb von ein paar Jahren hatten wir viele solcher Büros, in Moskau, St. Petersburg, Nowosibirsk, Wladiwostok – in ganz Russland. Anfangs war es weder legal noch illegal. Die Tätigkeit befand sich rechtlich in einer Grauzone. Nach sowjetischem Recht waren Währungstransaktionen verboten, aber das sowjetische Recht existierte nicht mehr, und ein neues russisches Recht gab es noch nicht.

Weltwoche: Es ging rasant aufwärts. Kaum Mitte zwanzig, avancierten Sie zum Banker.

«Die Schweiz hat die Sanktionen eins zu eins übernommen. Sie hat uns den rechtlichen Schutz entzogen.»

Melnitschenko: Im Dezember 1991 entstand der neue russische Staat, und schon bald wurde der Devisenhandel reguliert. Man benötigte eine Konzession. Mein Zweigstellennetz konnte von einem auf den anderen Tag illegal werden. Ich musste es in eine Bank integrieren. Ich fand sie: die Premier Bank. Der Eigentümer war einer der ersten sowjetischen Unternehmer, er war damals Mitte sechzig, und sein Team bestand aus ein paar älteren Damen von einer inzwischen aufgelösten sowjetischen Bank.

Weltwoche: Es müssen turbluente, gefährliche Zeiten gewesen sein. 1991 gab es sogar einen Staatsstreich.

Melnitschenko: Der Putschversuch von 1991, mit dem Michail Gorbatschow gestürzt werden sollte, dauerte vier Tage. Es war keine grosse Sache. Ich war zu der Zeit mit meinen Freunden in Jalta. Wir sahen den Putsch im Fernsehen. Als wir nach Moskau zurückkehrten, war es vorbei. Natürlich bestand das Risiko einer Implosion des Staates. Die Kriminalität schoss hoch, Gangs breiteten sich aus, Korruption, es waren gefährliche Zeiten, keine Frage. Der Wettbewerb war knallhart, die «rule of law» existierte nicht mehr, jeder Tag brachte neue Chancen, aber auch immense Probleme und Schwierigkeiten mit sich. Wie haben wir überlebt? Darüber haben wir nicht mal nachgedacht. Als ich meine eigene Bankkonzession hatte, konnte ich mein Geschäft zu einem grösseren Finanzinstitut ausbauen, zu einer richtigen Bank. Die MDM-Bank wurde 1993 mit einem Anfangskapital von 30 000 US-Dollar gegründet. Als ich sie 2007 verkaufte, wurde ihr Wert auf 4,5 Milliarden US-Dollar beziffert. In den 2000er Jahren war sie die zweitgrösste unternehmergeführte Privatbank in Russland. Wir erhielten mehrere Auszeichnungen: Die Fachzeitschrift The Banker ernannte uns 2002 und 2003 zur Bank des Jahres; Euromoney und Global Finance ernannten uns 2003 beziehungsweise 2004 zur besten russischen Bank. Das war der Grundstein meines Vermögens.

Weltwoche: Um die Jahrtausendwende sind Sie in die Industrie eingestiegen. Wie kam das?

Melnitschenko: Die staatseigenen sowjetischen Industrieriesen gingen Ende 1995 grösstenteils in Privateigentum über. Ich war damals sehr jung, erst 23, und hatte keinerlei politischen Beziehungen oder Verbindungen. Deshalb habe ich diese Chance verpasst.

Weltwoche: Sie hätten Russlands jüngster «Oligarch» werden können.

Melnitschenko: (Lacht) Absolut, aber ich bin es nicht geworden. Es war einfach unmöglich, ganz egal, ob ich es zu der Zeit wollte oder nicht. 1998 kam es in Russland zur Wirtschaftskrise. Viele Finanzinstitute serbelten. Sie hatten in der Privatisierungswelle heftig eingekauft, aber ihre Assets verloren stark an Wert. Die Ölpreise lagen am Boden, die Metallpreise waren abgestürzt, die Zinsen gingen rauf. Das war die Zeit, als der Begriff «Oligarch» geprägt wurde. Die grossen Banken waren an den Privatisierungen beteiligt gewesen. Es gab kaum Regeln, und oft wurden die Regeln so gestaltet, dass einzelne Beteiligte erheblich profitierten. Nach der 1998er Finanzkrise waren diese Banken, die an den darniederliegenden privatisierten Industrien hingen, faktisch bankrott. Meine MDM-Bank, eine Art «One-Man-Show», befand sich in einer ganz anderen Lage. Sie war nicht fremdfinanziert und hatte keinen Ballast. Kurz: Ich profitierte von zwei Krisen. Die erste Krise war der Zusammenbruch der Sowjetunion und die zweite Krise der Zusammenbruch der russischen Finanzwelt.

Weltwoche: Geschäftsregel Nummer eins: Mach aus jeder Katastrophe eine Goldgrube.

Melnitschenko: Wenn du kannst! Der zweiten Krise verdankte ich die Chance, in den Industriesektor einzusteigen. Was brauchte man dafür? Man brauchte Geld. Die MDM-Bank hatte genau das. Und: Politische Verbindungen waren nicht länger nötig. Die begehrtesten Branchen waren bereits privatisiert. Also formte ich mit einem meiner Kunden eine Partnerschaft. Wir nannten sie «MDM-Gruppe». Die Idee war, in bestimmten Sektoren Firmen aufzubauen. Wir konzentrierten uns auf drei Bereiche: Metallrohre, Düngemittel und Kohle.

Weltwoche: Warum gerade diese drei?

Melnitschenko: Weil sie nicht konsolidiert waren. Es gab dort keine grossen Unternehmen, nur viele kleine. Die Grossen waren ins Öl-, Gas- und Stahlgeschäft eingestiegen, bekamen aber Probleme, weil sie mehr geschluckt hatten, als sie verdauen konnten. So waren wir in der Lage, dem Ölkonzern Jukos die Metallrohrfabrik von Wolschski zu einem tiefen Preis abzukaufen. Dasselbe im Kohlebereich: Wir übernahmen innerhalb von zwei Jahren etwa zwanzig Kohlenbergwerke. Kohle galt zu der Zeit als unattraktiv. Beim Dünger ebenso: Kein Düngemittelunternehmen hatte einen Mehrheitseigentümer, alles war zersplittert und verstreut. Wir haben die Eigentumsverhältnisse konsolidiert, und so kam es zur Gründung von Eurochem.

Weltwoche: Hatten Sie von Anfang an Erfolg?

Melnitschenko: Wir reüssierten in allen drei Bereichen. Das Röhrenunternehmen, mittlerweile fusioniert mit anderen Konzernen, wurde die Nummer zwei der Welt. Eurochem war im letzten Jahr die Nummer zwei weltweit, was die Menge an verkauftem Dünger angeht. Und auch der Kohlekonzern Suek schaffte es an die Spitze. Insgesamt beschäftigen Eurochem und Suek über 100 000 Mitarbeiter.

Weltwoche: Der nächste Fixpunkt war 2006. Sie gaben Ihre Anteile ab, gründeten eine unabhängige Stiftung und zogen sich auch als CEO zurück. Sie waren noch nicht mal 35. Was war der Grund?

Melnitschenko: Ich begegnete 2003 meiner zukünftigen Frau. Sie hatte nie in Russland gelebt und sprach fast kein Russisch. Ihre Mutter ist Kroatin, ihr Vater Serbe. Wir heirateten 2005. Meine Frau wollte nicht in Russland leben, weil sie die Sprache nicht beherrschte und weder Freunde noch Bekannte dort hatte. Sollte ich nun in Russland bleiben oder mit meiner Frau ein gemeinsames Leben aufbauen? Ich entschied mich für die Familie. Darum musste ich ein System aufbauen, das sich selbst tragen würde, das ein ausgewogenes Mass an Regeln und Freiheit hätte, wo Führung und Kontrolle funktionieren, ohne dass ich selbst ständig eingreifen oder darin involviert sein müsste.

Weltwoche: Wie genau haben Sie die Struktur der Gruppe aufgebaut?

«Sanktionen, die Energie und Dünger betreffen, sind wirtschaftliche Massenvernichtungswaffen.»

Melnitschenko: Es ist gewöhnliche Corporate Governance. Das Management führt die Geschäfte und wird vom Verwaltungsrat kontrolliert. Darüber steht eine Holdinggesellschaft. Den Vorsitzenden der Holding bestimmt eine unabhängige Stiftung mit ausgewiesenen Führungspersönlichkeiten. Der Präsident der Stiftung ist Ronald Noble, früherer Unterstaatssekretär für den Strafvollzug im US-Finanzministerium, Professor der Rechtswissenschaft sowie vierzehn Jahre lang Interpol-Generalsekretär. Die Eurochem- und Suek-Anteile befinden sich in der von ihm verwalteten Stiftung. Er handelt im Interesse der treuhänderisch Begünstigten. Erster Begünstigter war ich. Bei Rücktritt oder Tod würde meine Frau nachrücken, schliesslich würden es meine Kinder sein. Es ging ganz einfach darum, eine für mein Leben, meine Familie und das Unternehmen taugliche Struktur zu finden.

Weltwoche: Wie war Ihre unternehmerische Rolle nach diesem Teilrückzug?

Melnitschenko: Ich blieb Mitglied der Verwaltungsräte als jeweils nicht geschäftsführender Direktor, gab diese Posten nach Ausbruch des Konflikts in der Ukraine aber auf, um die Unternehmen vor sanktionsbedingten Betriebsunterbrechungen zu schützen.

Weltwoche: Bevor wir auf dieses Thema kommen: Was ist der Grund für Ihren immensen Erfolg, was zeichnet Sie als Unternehmer aus??

Melnitschenko: Ich sehe, wie die Dinge am besten organisiert werden sollten. Man kann es Vision nennen. Ich denke, meine grösste Leistung besteht darin, dass ich jährlich nur fünf oder sechs Wochen für die von mir gegründeten Unternehmen aufgewendet habe. Es gibt viele Leute, die Konzerne aufgebaut haben. Die grösste Herausforderung für mich lag darin, sie aufzubauen, ohne dafür allzu viel Zeit zu verwenden, sei es physisch im Büro oder in Form von Gesprächen mit dem Management. Meine Freiheit bedeutet mir viel. Freiheit ist Zeit zum Nachdenken.

Weltwoche: Irgendwann kam die Schweiz ins Spiel, als Hauptsitz für Eurochem und als Wohnsitz für Ihre Familie. Warum ausgerechnet die Schweiz?

Melnitschenko: Wegen der Rechtsstaatlichkeit, der Neutralität und der Freiheit. Wir hatten den Eindruck, dass sich die Politik hier nicht in die Geschäftstätigkeit hineindrängt. Die Entscheidung für die Schweiz beruhte in persönlicher Hinsicht auf der Annahme, dass es schön und sicher ist, in der Schweiz zu leben. Und aus Unternehmenssicht erschien das Land als besonders unternehmensfreundlicher Standort.

Weltwoche: Und St. Moritz?

Melnitschenko: In den ersten Jahren lebten wir an verschiedenen Orten in Europa, probierten alles Mögliche aus. Schliesslich kamen wir nach St. Moritz. Zuerst mieteten wir ein Objekt, dann bauten wir unser Haus und sind seit 2009 offiziell dort ansässig. St. Moritz wählten wir aus, weil es für uns ein Ort ist, an dem man wunderbar leben und Kinder grossziehen kann. Uns gefällt die Engadiner Landschaft mit ihren Seen und Bergen. Wir fahren gern Ski, wir lieben das Velofahren. Wir schätzen das gesunde Klima. Ausserdem brauchte ich ja nicht mehr ins Büro zu gehen, so dass es kein Problem war, abseits von Grossstädten zu leben.

Weltwoche: Welche Gründe sprachen für Zug als Eurochem-Hauptsitz?

Melnitschenko: Die Eurochem wuchs schnell. 2011, 2012 wurde klar, dass die Hauptambitionen der Firma im Ausland liegen müssen. Unser Marktanteil in Russland durfte nicht mehr grösser werden, aus Gründen der Monopolgesetzgebung. Wir hatten bereits Ableger in Europa, in Brasilien, in den Vereinigten Staaten. Daher suchte die Unternehmensleitung nach einem neuem Hauptquartier für ein zusehends globales Unternehmen. 2014 wurde beschlossen, das Unternehmen in Zug anzusiedeln.

Weltwoche: Wie erlebten Sie damals die Schweiz, privat und geschäftlich?

Melnitschenko: Es war alles so stimmig und einfach zu verstehen: Halte dich einfach an die gesetzlichen Vorgaben und zahle deine Steuern. Man muss seine Zeit hier nicht mit dem Knüpfen von Beziehungen oder mit dem Aufbau nützlicher «Freundschaften» vergeuden. Wir hatten unser eigenes Leben, ganz privat, ich gab keine Interviews, und ehrlich gesagt kannte ich nicht mal den Namen des Gemeindepräsidenten von St. Moritz. Ich hatte keine Ahnung, welche politischen Parteien es in meinem Kanton gab und was ihre Parteiprogramme waren. Ich kam nach Hause, stieg auf mein Velo und dachte mir nichts weiter dabei. Darin bestand für mich die besondere Anziehungskraft der Schweiz.

Weltwoche: Und plötzlich schlägt der Ukraine-Krieg in Ihr Leben ein wie eine Bombe.

Melnitschenko: Im Rückblick unterlag ich sicher einer Fehleinschätzung. Wir hätten mehr tun müssen – damit meine ich mich selbst und die von mir gegründeten Unternehmen – um uns in die Gesellschaft zu integrieren und Reputationskapital aufzubauen. Und als die Krise da war, erwies sich, dass die Öffentlichkeit und die Politiker, wenn sie nicht wissen, wer man ist, sich ihr eigenes Bild machen, leider behaftet mit Klischees und falschen Vorstellungen.

Weltwoche: Nun stehen Sie im Fadenkreuz der Behörden. Grund sei auch Ihre Teilnahme an einer Kreml-Sitzung vom 24. Februar, als Putin einer Gruppe von russischen Unternehmern den Einmarsch seiner Truppen in der Ukraine erklärte. Warum waren Sie an dieser Sitzung?

«Ich war fasziniert vom Kollaps der Sowjetunion. Ich stand mitten in diesem Vulkan voller Chancen.»

Melnitschenko: Lassen Sie uns genau sein: Seit 2004 konzentriert sich der unternehmerische Teil meines Lebens auf 5 Wochen pro Jahr. In den übrigen 47 Wochen beschäftige ich mich mit allen möglichen Dingen, vor allem mit Wohltätigkeitsarbeit und ehrenamtlichen Aktivitäten. Dazu gehört nun meine Position im Russischen Industriellen- und Unternehmerverband. Da geht es um klassische Interessenvertretung von Privatunternehmen gegenüber dem Staat. Das Instrument heisst Dialog, institutionalisierter Dialog. Im Verband war ich zunächst Repräsentant des Bergbausektors. Heute bin ich Vorsitzender des Ausschusses für Klimawandel und Kohlenstoffregulierung. Ich habe die Aufgabe, die Interessen der russischen Industrie zu bündeln, weil Klimafragen sowohl national als auch international immer bedeutsamer werden. Das war der Rahmen der damaligen Veranstaltung.

Weltwoche: Die Bilder jener Zusammenkunft im Kreml am 24. Februar gingen um die Welt. Für die Medien und die Politik war klar: Hier schwört Putin seine Getreuen, seine «Oligarchen», Unterstützer und Financiers, auf den Krieg ein. Sie mittendrin.

Melnitschenko: Das ist alles Unsinn. Nichts davon trifft zu. Es war eine ordentliche Versammlung. Wir waren alle schockiert über die Geschehnisse in der Ukraine. Wir hörten erst in den Nachrichten davon, als wir an dem Morgen aufwachten. Die Zusammenkunft fand am frühen Nachmittag statt. Wir waren in einem emotionalen Ausnahmezustand.

Weltwoche: Wie gut kennen Sie Präsident Putin?

Melnitschenko: Ich kenne ihn gar nicht, habe ihn nie allein getroffen. Es gab keine gemeinsamen Essen oder Gespräche unter vier Augen. Im Rahmen meiner Verbandstätigkeit habe ich ihn ein paarmal in Gruppen von mindestens fünfzehn Leuten gesehen.

Weltwoche: Hatten Sie den Krieg kommen sehen?

Melnitschenko: Nein, ganz bestimmt nicht. An jenem Morgen war das Undenkbare geschehen: Das russische Militär beschoss Ziele in der Ukraine, und Menschen starben.

Weltwoche: Was war Ihr erster Gedanke?

Melnitschenko: Dass die Welt, wie wir sie kennen und in der wir nach dem Zusammenbruch des Sowjetblocks fast 35 Jahre lang gelebt haben, sich gerade drastisch verändere. Das waren die Jahre ohne die allgegenwärtige Konfrontation im Kalten Krieg, und ich bezweifle, dass es innert der Lebensspanne unserer Generation jemals wieder so sein wird. Es ist mehr als nur ein erbittert ausgefochtener Bürgerkrieg zwischen brüderlichen Völkern. Die Welt bricht gerade auseinander. Die Folgen werden für Milliarden von Menschen, die mit diesem Konflikt überhaupt nichts zu tun haben, zu spüren sein.

Weltwoche: Haben Sie geahnt, dass Sie auf einer Sanktionsliste landen würden?

Melnitschenko: Ich war sicher, dass die von mir gegründeten Unternehmen in Mitleidenschaft gezogen würden. Aber persönliche Sanktionen gegen mich als staatsunabhängigen freien Unternehmer – nein, damit hatte ich nicht gerechnet.

Weltwoche: Wie war die Stimmung bei den Unternehmern nach der Sitzung mit Putin in diesem absurd hohen Kreml-Raum?

Melnitschenko: Fassungslosigkeit. Ungläubigkeit. Wir versuchten, die neue Realität zu begreifen. Bald wurde klar: Das hier ist ein historischer Moment, eine Zäsur. Wir treten gerade in ein neues Zeitalter ein.

Weltwoche: Die EU setzte Sie auf die Sanktionsliste, die Schweizer folgten, interessanterweise aber nicht die USA. Washington sanktioniert weder Sie noch die von Ihnen gegründeten Unternehmen.

Melnitschenko: Das stimmt.

Weltwoche: Sie haben sich, als Unternehmer mit russischem Pass, von Anfang an öffentlich gegen den Krieg ausgesprochen, ihn verurteilt. Dennoch wurden Sie von der EU und der Schweiz in die Zange genommen.

«Wenn Sie ein Terrorist sind und einen Bahnhof in die Luft sprengen, lässt man Ihre Frau in Ruhe.»

Melnitschenko: Jeder Krieg ist eine Tragödie, und ich befürworte eine Einigung mit ausschliesslich diplomatischen Mitteln. Es muss so schnell wie möglich Frieden geschaffen werden. Wir brauchen ihn dringend.

Weltwoche: Sie stehen zwischen den Fronten.

Melnitschenko: So sieht’s aus. Wäre ich je auf die Idee gekommen, dass ich in der Schweiz, in einem Land mit einer jahrhundertealten Tradition der Neutralität, als mutmasslich enger Vertrauter des russischen Präsidenten angesehen würde, dem Sanktionen auferlegt werden sollten, um auf diese Weise maximalen Druck auf ihn auszuüben, weil das dazu beitragen würde, die entsetzlichen Ereignisse in der Ukraine zu stoppen? Niemals hätte ich das gedacht. Die von der Schweiz ergriffenen Massnahmen haben mich überrascht, aber in konflikthaften Zeiten gehen die emotionalen Wogen hoch – und man muss auch mit dem Unwahrscheinlichen rechnen. Es ist wie ein Naturgesetz, politischer Magnetismus. In jedem Krieg ist das so. Die öffentliche Meinung verfestigt sich. Jeder, der eine abweichende Meinung zum Ausdruck bringt, zieht sich den Hass von jemand anders zu. Habe ich das Risiko vorausgesehen, dass ich nun in Russland, wo die von mir gegründeten Unternehmen tätig sind, als unpatriotisch angesehen werden könnte, weil ich seit siebzehn Jahren nicht mehr in Russland lebe? Natürlich, auch das kann geschehen.

Weltwoche: Wie haben Sie von den Sanktionen erfahren?

Melnitschenko: Aus den Nachrichten. Am 4. März verliess ich nach einer Sitzung bei Eurochem die Schweiz, um meinen 50. Geburtstag mit meiner Familie in Tansania zu feiern. Dort erfuhr ich, dass mich die EU auf die Sanktionsliste gesetzt hatte. Ein perfektes Geschenk zum 50. Geburtstag, und auch so symbolisch. Der Zeitpunkt hätte nicht besser gewählt sein können.

Weltwoche: Sie lächeln sarkastisch.

Melnitschenko: Manchmal bleibt einem nur noch der Humor. Aber es wird ja noch komplizierter. Meine Frau ist Bürgerin der Europäischen Union. Das macht sie aus russischer Sicht zur Bürgerin eines unfreundlichen Staates. Mich wiederum behandeln die Europäische Union und die Schweiz wie einen Verbrecher. Ich muss mir westliche Politiker und TV-Moderatoren ansehen, die Leute dazu ermuntern, den «Oligarchen» zu jagen, der sein Vermögen vor den neugierigen Blicken der beunruhigten Öffentlichkeit zu verbergen sucht.

Weltwoche: Was ist eigentlich ein «Oligarch»?

Melnitschenko: Sagen Sie es mir. In alten Zeiten wurden politisch mächtige, einflussreiche Menschen so genannt. Heute ist der Begriff Synonym für wohlhabende Russen, denen Verwicklung in politische Machenschaften, Korruption, Erwerb ihres Reichtums durch politische Beziehungen oder Einsatz ihres Reichtums zwecks Erlangung politischer Einflussnahme vorgeworfen werden. Das ist das genaue Gegenteil von meiner Geschichte.

Weltwoche: Sind Sie kein Oligarch?

Melnitschenko: (Lächelt) Wie kann jemand politische Macht oder Einflussmöglichkeiten in einem Land haben, in dem er in den letzten zehn Jahren weniger als fünf Wochen verbracht hat? Die von der EU gegen mich verhängten Sanktionen beruhen auf zwei Behauptungen: Erstens, dass ich mutmasslich «Mitglied des engsten Kreises von Wladimir Putin» sei. Fakt ist: Ich habe den russischen Präsidenten in meinem ganzen Leben niemals allein getroffen. Wenn ich ihn getroffen habe, dann allenfalls in Gruppen von mindestens fünfzehn Leuten. Alle meine Begegnungen mit ihm fanden im Zusammenhang mit meiner Tätigkeit als Mitglied des Russischen Industriellen- und Unternehmerverbands statt, bei dem mein Programm auf den Klimawandel konzentriert war. Mich als einen engen politischen Vertrauten des Präsidenten zu bezeichnen, als einen mit dem russischen Staat verbandelten «Oligarchen», ist absurd.

Weltwoche: Wie lautet der zweite Vorwurf?

Melnitschenko: Mutmasslich sei ich tätig «in Wirtschaftsbereichen, die für die Regierung der für die Annexion der Krim und die Destabilisierung der Ukraine verantwortlichen Russischen Föderation eine bedeutende Einkommensquelle darstellen». Hierzu möchte ich Folgendes klarstellen: Das einzige Einkommen, das die Regierung der Russischen Föderation von Eurochem und Suek erhält, sind die von diesen Unternehmen in Russland gezahlten Steuern. Ich gehe davon aus, dass jedes Unternehmen die Gesetze des Landes, in dem es geschäftlich tätig ist, zu befolgen hat; dass es völlig normal ist, Steuern zu zahlen – und eine Straftat, keine Steuern zu zahlen. Es ist doch recht ungewöhnlich, für die Entrichtung von Steuern bestraft zu werden.

Weltwoche: Das ist die dürftige Grundlage der Sanktionen?

Melnitschenko: Ich fasse es für mich so zusammen: Ich werde bestraft, weil ich Russe bin. Denn viele Nichtrussen, viele Leute aus der westlichen Welt vor allem, Politiker, Manager, die viel engere Beziehungen zu Putin haben als ich, werden nicht bestraft. Mein Nachteil ist offenbar: Ich bin Russe. Zweitens: Ich bin reich. Deshalb bin ich auf der Sanktionsliste. Russe, reich, finito.

Weltwoche: Welche Auswirkungen haben die Sanktionen auf Sie, Ihre Familie und die Unternehmen?

«Von den Sanktionen habe ich an meinem 50. Geburtstag in Afrika erfahren. Aus der Zeitung.»

Melnitschenko: Alle Privat- und Familienkonten sind gesperrt, private Vermögenswerte und Sachanlagen der Familie festgesetzt. Grosse Rechtsunsicherheit ist bei den Unternehmen entstanden. Der Betrieb ist erheblich eingeschränkt. Am schlimmsten aber ist: Mein Familienleben ist komplett aus den Fugen. Ich darf nicht länger in die EU einreisen, obwohl meine Familie in Europa lebt. Die Kinder können ihre Freunde nicht treffen, sie vermissen ihre Spielsachen und stellen Fragen, die ich ihnen nicht beantworten kann.

Weltwoche: Konnten Sie Ihren Standpunkt gegenüber der EU jemals darlegen?

Melnitschenko: Ein solches Prozedere gibt es nicht. Das Amtsblatt der Europäischen Union befindet, dass man jetzt ein Straftäter ist – und damit hat es sich. Es gibt kein Verfahren. Auf der Hand liegt, dass das Ziel der Wirtschaftssanktionen darin besteht, Druck auf das politische Regime eines anderen Staates auszuüben. Wie aber soll die Sperrung meiner in der EU und in der Schweiz befindlichen Vermögenswerte oder die Zerstörung der von mir in den letzten dreissig Jahren aufgebauten Unternehmen die Erreichung dieses Ziels befördern? Ich verstehe beim besten Willen nicht, wie eine solche Massnahme dazu beitragen könnte, die Feindseligkeiten zwischen Russland und der Ukraine zu beenden. Ebenso wenig verstehe ich, wie die Verfolgung meiner in Europa geborenen und aufgewachsenen Frau dazu beitragen kann, ein akzeptables Friedensabkommen zwischen Russland und der Ukraine zu erreichen.

Weltwoche: EU-Experten sagen, Sanktionen seien keine Strafe, sondern eine «vorsorgliche Massnahme».

Melnitschenko: Ich sehe das anders. Man wird durch Sanktionen seiner Eigentumsrechte als auch seiner Freizügigkeitsrechte faktisch beraubt. Die Sanktionen stellen sehr wohl eine Bestrafung dar, und zwar eine ziemlich harte. Die europäische Rechtstradition der letzten 800 Jahre – irgendwann seit der Magna Carta – besagt, dass es nicht möglich sein sollte, ein Verhalten zu bestrafen, das keine Gesetzesverletzung darstellt. Der Angeklagte hat ausserdem das Recht, den gegen ihn geltend gemachten Sachverhalt zu hören, seine Einwände vorzubringen und seinen Fall von einem redlichen und unabhängigen Gericht untersuchen zu lassen.

Weltwoche: Das alles gilt in Ihrem Fall nicht.

Melnitschenko: Ich verstehe die öffentliche Empörung über den gegenwärtigen Konflikt. Ich bin auch bereit, zu verstehen, dass es für die allgemeine Öffentlichkeit schwer ist, die beiden Konzepte voneinander zu trennen: nämlich das der formalen Zugehörigkeit zu einem Land als Staatsbürger einerseits und das der aktiven Beteiligung an bestimmten politischen Entscheidungen andererseits. Aber kann eine Sanktion, die in die Eigentumsrechte einer Person eingreift, deren einziger Fehler darin besteht, dass sie aus Sicht der öffentlichen Meinung den falschen Pass besitzt, akzeptabel sein? Das bedeutet eine bewusste Zerstörung der über Jahrhunderte und Generationen hinweg geschaffenen Rechtstraditionen, denen Europa seinen Erfolg verdankt.

Weltwoche: Es war zu lesen, dass Sie alle Unternehmensanteile auf Ihre Frau übertragen hätten. Das führte zu weiteren Beschuldigungen, und schliesslich setzte die EU auch Ihre Frau auf die Sanktionsliste.

Melnitschenko: Auch diese Darstellung ist falsch. Die Eurochem- und Suek-Anteile werden bereits seit 2006 von einer Stiftung treuhänderisch verwaltet. Gemäss der Stiftungsurkunde handeln die Treuhänder unabhängig und nach Massgabe klarer Regeln. Die Stiftung wurde mit dem Ziel und Zweck begründet, den Erhalt der von mir gegründeten Unternehmen auch im Falle meines Todes oder meiner Geschäftsunfähigkeit zu gewährleisten. Die Stiftungsdokumente bestehen in ihrer gegenwärtigen Form unverändert seit nunmehr sechzehn Jahren.

Weltwoche: Kurz nach Kriegsbeginn haben Sie sich als Begünstigter der Stiftung zurückgezogen, gleichsam institutionellen Selbstmord begangen.

Melnitschenko: Am 24. Februar veränderte sich alles. Bilder von mir an jener Versammlung im Kreml machten die Runde. Die deutschen, die britischen Medien begannen auf mich zu schiessen. Also entschloss ich mich zu diesem Schritt. Infolgedessen trat meine Frau als Begünstigte automatisch an meine Stelle – genau so, wie es vor sechzehn Jahren geplant worden war.

Weltwoche: Das ist ein unglaublicher Vertrauensbeweis an Ihre Frau, die nun alleinige Begünstigte Ihres riesigen Vermögens ist.

Melnitschenko: Ja, natürlich habe ich vollstes Vertrauen, aber vor allem musste ich verhindern, dass die gegen mich verhängten Sanktionen die Existenz meiner Unternehmen gefährden. Dieser Schritt war die einzige legitime und unkomplizierte Lösung.

Weltwoche: Was wäre passiert, wenn Sie sich nicht zurückgezogen hätten?

Melnitschenko: Die Existenz der Unternehmen und das Schicksal von über 100 000 Mitarbeitenden standen auf dem Spiel. Zuerst wusste ja niemand, was die Sanktionen bedeuten. Die Banken bekamen es mit der Angst zu tun. Die Regierungen tappten im Nebel. Lieferanten und Kunden waren verunsichert. Niemals zuvor gab es in der europäischen Geschichte solch drastische Sanktionen, und so wusste niemand, wie er reagieren sollte.

Weltwoche: Wenn ich richtig verstehe, hat Ihre Frau keinerlei Funktion in der Firma. Sie ist nicht Eigentümerin. Sie ist lediglich Begünstigte der Stiftung, ausserdem Bürgerin der Europäischen Union. Wie kommt die EU auf die Idee, Ihre Frau zu sanktionieren?

«Ich kenne Putin gar nicht. Ich habe ihn nie alleine getroffen. Es gab keine Gespräche unter vier Augen.»

Melnitschenko: Was soll ich sagen? Das hätte ich niemals erwartet. Wenn Sie ein Terrorist sind und einen Bahnhof in die Luft jagen, dann lässt man Ihre Ehefrau in Ruhe. Wenn Sie ein Mafioso sind und einen anderen Mafioso erschiessen, dann werden die Strafverfolger Ihre Frau nicht behelligen. Meine Frau hat nie in Russland gelebt, sie hatte nie einen russischen Pass. Sie ist kroatische und serbische Staatsbürgerin. Zum ersten Mal in der europäischen Geschichte sanktioniert die EU eine Bürgerin eines Mitgliedsstaates. Meine Frau hat den Präsidenten von Russland niemals getroffen, nicht einmal in einer Gruppe von tausend Leuten. Sie hat ihn vielleicht ein paarmal im Fernsehen gesehen. Alle zwei Jahre war sie für durchschnittlich eine Woche in Russland. Sie wurde zur Zielscheibe der EU, weil sie meine Frau und die Mutter meiner Kinder ist.

Weltwoche: Wie begründet die EU die Sanktionen gegen Ihre Frau?

Melnitschenko: Die EU wirft meiner Frau vor, von mir «profitiert» zu haben. Ich frage mich: Ist es eine Straftat, wenn eine Frau von ihrem Ehemann «profitiert»? Sollte eine Frau durch die Ehe mit ihrem Mann nicht sämtliche Vorteile geniessen dürfen? Die EU legt meiner Frau ausserdem zur Last, dass sie gemeinsam mit mir Häuser und Wohnungen im Wert von dreissig Millionen US-Dollar besitze. Erstens: Die Häuser und Wohnungen gehören ausschliesslich meiner Frau. Zweitens betrug mein Jahresanfangsvermögen gemäss Forbes 28 Milliarden US-Dollar. Die Häuser machen demzufolge einen Anteil von 0,1 Prozent aus. Für die EU stellt es offenbar ein sanktionsrechtfertigendes Problem dar, wenn eine Frau nach siebzehn Jahren Ehe Eigentum besitzt, das sich auf 0,1 Prozent des Vermögens ihres Ehemannes beläuft. Wie kann solcher Unfug Eingang in ein offizielles Dokument der EU finden, die doch eines der angesehensten politischen Organe der Welt sein will?

Weltwoche: Wie wehren Sie sich?

Melnitschenko: Erstens haben unsere Anwälte einen Nachprüfungsantrag an den Rat der EU gestellt. Es heisst, dass diese Sanktionen das Ziel haben, «Russland massive und schwerwiegende Folgen aufzuerlegen», um das Land zu zwingen, den militärischen Einsatz schnellstmöglich zu beenden. Meine Familie und ich leben bereits seit langer Zeit nicht mehr in Russland und haben keinerlei Möglichkeit, die russische Aussenpolitik zu beeinflussen. Die Sanktionen können zur Erreichung von Frieden in der Ukraine nichts beitragen.